Dieser Beitrag erscheint im Rahmen der Blogparade von Thomas Mampel unter der Fragestellung:

“Wofür steht Ihr? In was für einer Welt wollt Ihr leben –  und was tut ihr dafür? Woran sollen sich die Nachfolgenden erinnern, wenn sie von Euch reden?”

Etwas über zwanzig Jahre bin ich mittlerweile im Bereich der Sozialarbeit tätig. Oder anders gesagt: Praktisch mein halbes Leben.

Mit 16 Jahren, das Ende der Realschule in Sicht, stand ich vor der Berufswahl und wusste so gar nicht, was ich denn werden sollte. Zweiradmechaniker? Eine Beamtenlaufbahn einschlagen, wie mein Vater? Bootsbauer, insbesondere Holzbootsbauer wäre ein Traum gewesen. Aber mit 16 Jahren wollte ich noch nicht von zu Hause weg an die Küste ziehen. Der Berufswahltest des Arbeitsamtes ergab Dachdecker, da hatten sie aber wohl vergessen zu fragen, ob man an starker Höhenangst leidet; kam also auch nicht in Frage.
Zufällig war in dieser Zeit eine gute Freundin meiner Mutter öfter zu Gast und sie hat mit mir – wie man heute sagen würde – ein Coaching gemacht. Vielleicht hat sie sich auch einfach mal ausführlich mit mir unterhalten und versucht, herauszubekommen, was mich wirklich interessiert. Und dabei ist herausgekommen, dass ich gerne “etwas mit Menschen machen wollte.” Diese Idee haben wir dann weiter ausgearbeitet und dabei ist herausgekommen, dass ein Studium der Sozialarbeit der richtige Weg sein könnte.

Dass ich studieren würde war bis dahin überhaupt nicht in meinem Kopf präsent, außerdem hatte ich ja erstmal nur den Realschulabschluss. Meine Eltern waren einverstanden, insbesondere mein Vater war erleichtert, dass ich keine Beamtenlaufbahn gewählt hatte. Er gab mir allerdings noch zu bedenken, dass die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten in der Sozialarbeit sehr bescheiden wären und ich eher das Gelübde der ewigen Armut ablegen würde.

Auf dem Weg zum Studium besuchte ich die Fachoberschule für Sozialpädagogik und absolvierte ein einjähriges Praktikum in einer Kindertagesstätte.
Im Studium selber hätte mich die psychosoziale Beratung am meisten interessiert, mit noch nicht einmal Mitte zwanzig war ich aber eindeutig noch zu jung dafür. So viel mein Schwerpunkt ein bißchen zufällig auf den Bereich Gemeinwesenarbeit und offene Altenhilfe.

Wieder durch einen Zufall fand ich einen Nebenjob in einem Stadtteilbegegnungszentrum, in dem ich den offenen Mittagstisch betreute. Der Job dauerte nur zwei Stunden täglich, nahm aber über die Mittagszeit viel Zeit in Anspruch, was mit meinen Vorlesungen und Seminaren nicht immer gut passte.
Meine weitere Entwicklung ist mit diesem Stadtteilzentrum eng verknüpft. Ich absolvierte dort mein Anerkennungsjahr und arbeitete später in der Wohnberatung, gründete einen Seniorenhandwerkerdienst und andere soziale Dienste und war am Umbau des Hauses zu einem Mehrgenerationenhaus mit generationenübergreifenden Angeboten beteiligt.

Da ich immer in Teilzeit beschäftigt war, meldete ich parallel ein Gewerbe an, mit dem ich zunächst eines der ersten Senioren-Internetcafés in Bielefeld gegründet und dieses Angebot dann bis zur Einstellung Ende 2015 weiter in Richtung Unterstützung zu Hause und ein Kursprogramm ausgebaut habe.

Mit Mitte dreißig war ich dann an einem Punkt angekommen, an dem ich mich weiter entwickeln wollte. Der Boom des Neurolinguistischen Programmierens (NLP) war gerade vorbei und im Zentrum lagen immer Flyer mit Kursangeboten. Ich war neugierig, was das war und kaufte mir ein Buch dazu. Schnell war ich von der Idee überzeugt und begab mich auf die Suche nach einer NLP-Trainerin, bei der ich zunächst Einzelcoachings buchte und anschließend meinen NLP-Practitioner und NLP-Master absolvierte. Darauf aufbauend machte ich noch eine einjährige Coachingausbildung.

Diese Veränderungen übernahm ich mit in meine gewerbliche Tätigkeit und coachte jetzt Menschen, meistens aus dem sozialen Bereich. Nach ein paar Jahren stellte ich fest, dass die Probleme, mit denen die Menschen zu mir kamen, immer ähnlich waren. Es ging meistens darum, dass sich die Bedingungen in der Sozialarbeit zunehmend verschlechtern und sie ihr eigentliches Potenzial immer weniger in die Arbeit einbringen können, stattdessen von Regularien und Bürokratie ausgebremst werden.
Anscheinend war dieses Problem nicht auf der Coaching-Ebene zu lösen.

So entschloss ich mich, ein zweijähriges Fernstudium zum Sozialmanager zu absolvieren, um mehr darüber zu erfahren, wie eine soziale Organisation funktioniert und geleitet wird.
In diesen zwei Jahren lernte ich eine Menge interessanter Dinge und konnte die neuen Lehrbriefe oft gar nicht abwarten. So viele Dinge, die dort beschrieben wurden, konnte ich unmittelbar mit meiner eigenen Praxis abgleichen und auswerten.

Spätestens mit dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung, für die ich auch einen Businessplan aufstellen musste, der von der IHK geprüft wurde, kam der Wechsel in meinem Kopf von “etwas mit Menschen machen” hin zu “etwas für Menschen machen.”

Die Bedingungen im Sozialsystem in Deutschland haben sich in meinen Augen in den vergangenen zehn Jahren deutlich verschlechtert. Finanzielle Kürzungen, Standardisierungen durch Qualitätsmanagement und Bürokratisierung, sowie ein hoher Druck verbunden mit einer immer weiter steigender Arbeitsbelastung lassen die Beschäftigen in Sozialarbeit und Pflege immer öfter an ihre Grenzen stoßen.

Ein niedriges Einkommen war immer absehbar, die Frage ist aber, wie gehen die sozialen Organisationen mit den Werten der Beschäftigten um, von denen diese sich leiten und motivieren lassen?

Das gesamte Sozialsystem befindet sich zur Zeit in einer Umbruchphase. Traditionelle Verbände, die schon seit der Kaiserzeit am Aufbau und Unterhalt des dritten Sektors beteiligt sind, versuchen ihre Strukturen zu retten, während parallel eine ganz neue Generation der heute 20-30jährigen soziale Projekte gründet und Sozialunternehmen etabliert. Die neue Denkweise ist sehr konträr zum traditionellen Selbstverständnis der Wohlfahrtsverbände. Trotzdem haben beide Seiten Vor- und Nachteile, die es auch weiterhin zu berücksichtigen gilt.

Meine Aufgabe sehe ich darin, neue und traditionelle soziale Organisationen auf dem Weg hin zu werteorientierten Unternehmen zu beraten und zu begleiten.
Dazu war ich Anfang des Jahres in London und habe eine einwöchige Ausbildung zum Cultural Transformation Tools Consultant gemacht. Dieses Tool von Richard Barrett baut auf einem erweiterten Konzept der Maslowschen Bedürfnispyramide auf und macht Werte messbar und damit auch “managebar”. Seit mehr als zehn Jahren setzen weltweit Wirtschaftsunternehmen, aber auch Schulen und Einrichtungen aus dem sozialen Sektor diese Tools erfolgreich ein. In Deutschland ist die Idee noch nicht weit verbreitet. Liest man aber Fachartikel so taucht der Begriff Wertorientierung immer öfter auf.
Ein Wachstum, wie in der Wirtschaft, ist für ein Sozialunternehmen in der Regel nicht realisierbar. Es kann aber ein Ziel sein, mit den vorhandenen Ressourcen eine Umgebung zu schaffen, in der die Beschäftigten ihre Potenziale entfalten können und damit Arbeitsabläufe wieder flexibler und effektiver werden und der Gewinn für die Organisation damit steigt, weil sie die vorhandenen Mittel besser einsetzen kann.

Meine Aufgabe sehe ich darin, die Cultural Transformation Tools und die damit verbundene Idee eines werteorientierten Sozialmanagements in die Welt zu tragen und damit meinen Beitrag zu einem stabilen und attraktiven Sozialwesen zu leisten, in dem Menschen, die gerne mit und für Menschen arbeiten wollen,  gesunde und motivierende Bedingungen vorfinden.

Vom Unterschied zwischen “mit” und “für” Menschen

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