Die zunehmende Ökonomisierung der Leistungen im Bereich der Sozialarbeit stellt vor allem die großen Wohlfahrtsverbände mit ihren traditionellen Werten und etablierten Strukturen vor immer größere Herausforderungen bei der Finanzierung und Weiterentwicklung ihrer Angebote.
Soziale Innovationen gehen scheinbar viel öfter von kleinen Organisationen und Vereinen aus, die sich flexibel und ausschließlich auf ein Thema konzentrieren. Den großen Verbänden – als „Vollsortimenter“ – scheint es hingegen schwer zu fallen, soziale Innovationen mit ihrem traditionellen Wertekanon, ihrem Overhead und ihrem Qualitätsmanagement in Einklang zu bringen.
Dieser Beitrag zeigt typische Problembereiche auf, an denen der Transfer sozialer Innovationen in großen Verbänden oftmals scheitert und gibt gleichzeitig Anregungen für ein mögliches Gelingen.

Die erfolgreiche Weiterentwicklung sozialer Projekte bis hin zu sozialen Innovationen steht seit einigen Jahren vor massiven Herausforderungen. Gesellschaftliche Veränderungen hin zu Cocooning und Individualisierung gepaart mit leeren staatlichen Kassen, Kürzungen und immer absurderen Projektförderungen, oftmals ohne Personalkostenanteil, setzen den Dritten Sektor immer mehr unter Druck.

Alte Konzepte und Strukturen, seit Jahrzehnten etabliert, funktionieren auf einmal nicht mehr und auch die seit Generationen gepflegte Nähe der Wohlfahrtsverbände zur Politik, die aus finanzieller Sicherheit und sozialpolitischem Einfluss bestand, bricht plötzlich aufgrund leerer Kassen weg.
Ähnlich sieht es im Bereich Ehrenamt – traditionell eine wichtige Säule der Verbände – aus. Die Zahl derjenigen, die sich im klassischen Ehrenamtsbereich an einen großen Wohlfahrtsverband binden und sich engagieren ist seit Jahren rückläufig. Hingegen investieren die Menschen ihre Zeit lieber ungebundener und flexibel im Rahmen des bürgerschaftlichen Engagements bei kleinen Initiativen und Vereinen. Eine feste Bindung und Identifikation mit dem Träger scheint bei der Wahl des Engagements nachrangig zu sein.

Von diesem gesellschaftlichen Wandel profitieren insbesondere kleinere Projekte und Initiativen, die sich einem Thema verschreiben und dabei entweder komplett ungebunden, oder unter dem Dach des Paritätischen agieren.
Beispiele für solche Projekte finden sich u.a. auf der Plattform Weltbeweger.
Abseits der oftmals starren Strukturen der großen Verbände mit ihren traditionellen Werten, großem Overhead und Qualitätsmanagement werden hier gesellschaftliche Probleme flexibel und zielgerichtet angegangen. Viele Projekte schaffen es ebenfalls, Personalstellen zu finanzieren und aufgrund der Förderrichtlinien von Stiftungen und anderen öffentlichen Geldgebern muss auch die Qualität der Arbeit dokumentiert und nachgewiesen werden, wenn auch nicht im Rahmen eines zertifizierten QM-Systems.

Dieser Rahmen schafft offensichtlich ein gutes Klima für das Gelingen sozialer Innovationen und
erfolgreiche Projekte bieten mittlerweile unterschiedliche Formen des offenen Transfers ihrer Ideen an.

Bei den großen Verbänden lässt sich in den vergangenen Jahren eher den Trend zum Festhalten des Status Quo feststellen. Im Kampf um Fördergelder und Personalstellen werden etablierte Projekte versucht aufrecht zu erhalten und vor dem Kopieren durch andere Anbieter zu schützen.
Dieser Standpunkt ist aus Sicht der Verbände nachvollziehbar, die Angebote und Personalstellen sichern müssen.
Mittelfristig kann dieser Weg aber auch in eine Sackgasse führen, wenn Stiftungen und öffentliche Geldgeber vermehrt auf Anbieterverbünde setzen, die eine Idee gemeinsam weiterentwickeln, anstatt jeder für sich.
Uwe Amrhein, Leiter des Generali Zukunftsfonds und Herausgeber des ENTER-Magazins, betonte auf dem Open Transfer Camp  in Köln am 7. Juni 2013, dass viele Stiftungen auf die Niedrigzinspolitik der Finanzmärkte reagieren. Der Trend werde, bereits absehbar, weg von kurzfristigen Projektförderungen und hin zu langfristigen Förderungen gehen. Allerdings könne mit einer solchen Förderung auch die Vorgabe verbunden sein, das geplante Vorhaben an drei weitere Standorte zu übertragen oder mit drei weiteren Anbietern zu kooperieren.

Der Trend geht daher m.E. deutlich in Richtung Teilen von Wissen, Lernen voneinander und den Transfer von gelungenen Projekten.

Das ist zunächst ein neuer Ansatz, der auf bewährten Strukturen trifft und damit Herausforderungen unter anderem in folgenden Bereichen schafft, die es zu bewältigen gilt:

  1. Online- und Offline Aktive
    Bei der Betrachtung von Vernetzungsstrukturen in unterschiedlichen Städten fällt auf, dass die immer gleichen Akteure quartiersbezogen in Stadtteilkonferenzen oder an runden Tischen agieren. Man kennt sich und die Standpunkte seit Jahren und es bewegt sich kaum etwas.
Spreche ich das Thema Soziale Medien an, blicke ich in ratlose Gesichter – erstaunlicherweise auch bei jüngeren Kolleginnen und Kollegen.
Eine überregionale Vernetzung kann unter diesen Bedingungen nicht stattfinden.
  2. Enges Angebotsgeflecht und -doppelung verschiedener Träger innerhalb eines Sozialraums
    Die Angebotsdichte ist in den Städten sehr groß, so dass Angebote auch im selben Quartier doppelt stattfinden. Die Zusammenarbeit führt im besten Fall zu Absprachen und die Angebote nicht auch noch am selben Tag und zur selben Zeit statt.
  3. Konkurrenz durch Dumping-Mitbewerber
    Über die verschiedenen Vernetzungsgremien könnte durchaus auch eine gemeinsame Weiterentwicklung von Angeboten stattfinden. Allerdings gilt es zu berücksichtigen, dass auch Träger in der Anbieterlandschaft vertreten sein können, die unter fragwürdigen Bedingungen arbeiten, neue Angebote kopieren und zu Dumpingpreisen oder sogar kostenlos anbietet. Im Hinblick auf die finanzielle Situation sind alle Träger angehalten, Angebote zu schaffen, die sich selber, mindestens anteilig, finanzieren.
Eine Offenheit an dieser Stelle scheitert umgehend.
  4. Kein “Über-den-Tellerrand-gucken”
    Überregionale Vernetzung findet kaum statt. Vielleicht in Ausnahmefällen mal bei einem Fachtag oder einer Fortbildung. Ansonsten konzentrieren sich die Aktionen nur auf das direkte Umfeld im Quartier oder höchstens noch im Stadtgebiet.
  5. Interdisziplinäres Lernen findet nicht statt
    Das jahrzehntelang praktizierte Säulendenken (Kinder- und Jugendbereich, Altenhilfe, etc.) wird u.a. durch die Finanzierungsstrukturen nicht aufgelöst. In den jeweils anderen Arbeitsbereichen finden sich viele gute Beispiele, die auch für den eigenen Arbeitsbereich erfolgreich übertragen werden können. Es findet aber kein Austausch statt, so dass dieses Potenzial verloren geht.
  6. Finanzierungsproblematik
    Und als letzter Punkt das leidige Thema Finanzierung: Regelfinanzierung sind weitestgehend weggefallen und durch Projektfinanzierungen ersetzt. Neben dem immensen Verwaltungsaufwand (Stichwort ESF-Mittel) wird in den Projektbeschreibungen immer mehr Inhalt für immer weniger Geld gefordert. Die Spitze dieser Projektfinanzierungen bilden Ausschreibungen wie die “Lokalen Allianzen für Demenz”, die mit 10.000 € für zwei Jahre gefördert werden und Personalkosten gar nicht angesetzt werden können.
Diese Finanzierungsart führt dazu, dass die Projekte inhaltlich oftmals nur noch nachlässig umgesetzt werden, da der Verwaltungsaufwand einen großen Teil der Arbeitszeit in Anspruch nimmt und aufgrund der kurzen Laufzeiten von ein bis zwei Jahren sofort mit Hochdruck nach einem Anschlussprojekt gesucht werden muss.

Wie kann es unter diesen Umständen trotzdem gelingen, voneinander zu lernen, Wissen zu teilen und soziale Innovationen erfolgreich zu transferieren?

Der von mir vorgeschlagene Ansatz basiert auf einer überregionalen Vernetzung, die sowohl online als auch in Form von Präsenztreffen stattfindet.
Erfolgreiche Beispiele für eine solche Vernetzung finden sich bereits exemplarisch im „Forum Lernen“ des Kuratoriums Deutsche Altershilfe oder auch in der Online-Zusammenarbeit der Mehrgenerationenhäuser.

Im Bereich der sozialen Innovationen engagiert sich die Stiftung Bürgermut gemeinsam mit der Bertelsmann Stiftung im Projekt Open Transfer.
Auf der eigens eingerichteten Internetplattform begegnen sich Akteure überregional.
Projekte, die in anderen Städten erfolgreich sind, können als Best-Practice in die eigene Stadt übertragen werden, ohne dass es zu direkter Konkurrenz kommt.
Außerdem ist der Austausch untereinander wesentlich konstruktiver, da die Rahmenbedingungen  unterschiedlicher sind, die Gruppe der Aktiven größer und Bandbreite an Möglichkeiten umfassender ist. Im Sinne von Albert Einstein, der gesagt hat, “dass das Problem nicht mit demselben Denken gelöst werden kann, aus dem es hervorgegangen ist”, entstehen so weit mehr kreative Ideen, als im begrenzten Rahmen innerhalb der eigenen Kommune, in der alle unter den gleichen Voraussetzungen arbeiten.

Der große Vorteil dieser Arbeitsweise liegt im asynchronen Arbeiten. Regelmäßige Präsenz-Termine, vielleicht noch verbunden mit langen Anreisen sind für die zumeist Teilzeit-Beschäftigten äußerst unattraktiv und verursachen unnötige Kosten. Die internetgestützte Zusammenarbeit mit gelegentlichen Präsenz-Treffen ermöglicht dennoch einen intensiven Austausch und eine enge und effektive Zusammenarbeit an gemeinsamen Projekten.

Präsenz-Treffen finden in Form von Barcamps statt. Diese Veranstaltungsform legt die Tagesordnung erst mit Beginn der Veranstaltung fest, so dass auf aktuelle Anliegen besser reagiert werden kann. Die Arbeitsgruppen finden parallel in mehreren Runden statt. So können einerseits mehr Themen an einem Tag bearbeitet werden und gleichzeitig sind die Wahlmöglichkeiten für die Beteiligten größer.

Fazit

Wenn es um die Verbreitung sozialer Innovationen geht, ist der „Blick über den Tellerrand“ und damit verbunden auch über die eigene Organisation hinaus, bereits heute unausweichlich.
Innovationen entstehen selten in tradierten, starren Strukturen, sondern dann, wenn Altes hinter sich gelassen wird, und neu gedacht werden darf. Kleine Vereine und Organisationen, die auf der grünen Wiese anfangen, haben es hier zweifelsohne leichter, als traditionelle Verbände mit einer langen Geschichte und gewachsenen Strukturen. Aber auch dort ist ein Know-How angesiedelt, von dem kleine Organisationen profitieren können.
Es gilt daher, sich zu öffnen, voneinander zu lernen und Ideen in einem offenen Transfer  voran zu bringen.
Plattformen wie Open Transfer laden zu einem solchen Dialog ein und stellen Ressourcen für diese Arbeit zur Verfügung. Je mehr Akteure sich dort beteiligen, desto vielfältiger fallen die Ergebnisse aus.
Das Potenzial dieser Zusammenarbeit könnte beispielsweise in gemeinsam erarbeiteten Anträgen unterschiedlicher Träger bestehen, die so mehr Gewicht gegenüber Geldgebern erlangen. Ebenso können in anderen Regionen erfolgreiche soziale Innovationen mit Unterstützung und verhältnismäßig geringem Aufwand in die eigene Organisation transferiert werden.
Vielleicht ist das eine Antwort auf die Frage, wie der Dritte Sektor auf immer knapper werdende Mittel reagieren und trotzdem weiter bestehen und wachsen kann.

Soziale Innovationen in traditionellen Strukturen? Ein Plädoyer für den offenen Projekttransfer in den großen Verbänden der Freien Wohlfahrtspflege

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